»Niemand klaut bei Freunden« – Artikel zum Umgang mit Schriftenklau in der PAGE
19. Februar 2007 Peter Reichard

In der aktuellen Ausgabe der PAGE behandelt der Artikel »Niemand klaut bei Freunden« (zitat von HD Schellnack) einerseits den Umgang mit nicht-lizensierten Schriften oder auch mit so genannten Clone-Schriften. Also Nachbauten von Schriften, die dann häufig unter einem anderen Namen ein vielfaches unter dem Preis des Originals angeboten werden.
Von Antje Dohmann, Autorin der PAGE, wurde auch ich zu diesem Thema befragt und neben einigen Statements kam ein Foto von mir sogar auf die erste Seite des Artikels. Aber auch andere Typograf/innen wie HD Schellnack, Underware, Hermann Zapf, etc. kamen ebenso zu Wort wie der Geschäftsführer von Softmaker, einem Unternehmen das u.a. Schriftenclones vertreibt.
Da ich mehr als das was zitiert wurde zu dem Thema beigetragen hatte und mir das Thema am Herzen liegt, könnt ihr hier mein komplettes Statement zu den Fragen von Frau Dohmann lesen.
Die erste Frage bezog sich auf Schriftbibliotheken wie infiniType von SoftMaker und ob ich deren Philosophie in Ordnung finde, so wie man auch zu Aldi oder bei H&M einkaufen geht:
Ich denke, dass selbst für Berufsanfänger und Studenten es sinnvoll ist sich mit den Originalen zu beschäftigen und nicht mit Nachbauten, dies betrifft dann auch die Welt der Schriften. Was aus der Nutzung solcher Schriftpakete folgt erlebte ich im Frühjahr auf einer Typo-Konferenz in Dortmund. Dort gab es einen Vortrag eines Webdesigners, der bei der Vorstellung seiner Typo-Animationen das Publikum nach der verwendeten Schrift fragte. Darauf antwortete ein Zuschauer, dass es sich hier wohl um die Helvetivca handle. Herablassend erwiderte er über die scheinbare Unkenntnis des Typo-Publikums, dass es nicht die Helvetica, sondern die Swiss (Clonename der Helvetica bei Bitstream) sei. Wenn man vor lauter Clones nicht mehr weiß, mit welchen Schriften man arbeitet, sollte dies nachdenklich machen.
Der Vergleich mit Aldi und H&M hinkt jedoch etwas. H&M hat eigene Designer, und selbst Karl Lagerfeld hat bereits für H&M gearbeitet. Das Problem ist ja nicht, billige Waren – in diesem Falle Schriften – anzubieten, sondern dass Designs kopiert und damit geklaut werden. Auch bei Aldi ist es anders. Es werden zwar Markenartikel mit neuen Labels verpackt, aber dafür zahlt Aldi an die Hersteller.
Die zweite Frage ging in die Richtung wie ich die juristischen Möglichkeiten zum Schutz einer Schrift einschätzen würde.
Das kann ich als Nicht-Jurist nur schwer einschätzen. Ich denke, das größere Problem ist dabei nicht so sehr die rechtliche Grundlage, sondern die Möglichkeit die Einhaltung zu kontrollieren, insbesondere bei nicht-lizensierten Schriften. Die Regelung dazu ist ja eindeutig, aber kaum kontrollierbar.
Danach ging es darum, dass Schriften ja erst gar nicht lizensiert würden, weder die Original-Schriften, noch die günstigen Clone-Produkte.
Ich denke, dass ein Konzept à la iTunes die Verwendung nicht lizensierter Schriften nicht beheben würde. Es ist letztendlich auch ein größer angelegtes Problem. Es ist sicherlich nicht über moralische Appelle an Designer zu beheben, nur mit lizensierten Schriften zu arbeiten. Nicht, dass man darauf verzichten sollte, aufzuzeigen, dass diese Haltung genau genommen einem Diebstahl gleichkommt und dass dies das Gleiche ist, wenn jemand ihre eigenen Designs/Layouts ohne Erlaubnis und Zahlung verwenden würde.
Der Druck kommt aber auch von Kundenseite. Dort wo kaum noch angemessene Honorare für Design bezahlt werden, greifen viele darauf zurück ihre eigenen Kosten so gering wie möglich zu halten, also Software und Schriften eben nicht zu lizensieren, sondern im Netz herunterzuladen, und dies sind nicht nur die kleinen Büros und Einzelkämpfer. Man muss dauerhaft kommunizieren, dass Design eine zu zahlende Leistung ist und letztendlich auch Schriften eine Designleistung sind. Diese muss sich an Designer, Druckdienstleister aber auch an Kunden und Universitäten richten.
Es kann auch nicht angehen, dass an Hochschulen Aufgaben gestellt werden, in denen es heißt, man solle für ein bestimmtes Buchprojekt z.B. entweder Meta, Helvetica oder Syntax nehmen und erwarten, dass sich die Studenten die entsprechenden Schriften irgendwie besorgen, um unter anderem zu Hause damit zu arbeiten. Und so wird ein Klima gefördert, dass es normal und ok sei Schriften ohne Lizensierung zu verwenden.
Die letzte Frage ging dann darum ob Schriftenrecht ein Pflichtfach im Studium sein soll.
Ob man daraus ein ganzes Fach machen soll, weiß ich nicht. Aber eine Vorlesung zu diesem Thema wäre angebracht und sollte auch ergänzt werden durch Vorträge von Typedesignern, die von ihrer Arbeit berichten um zu verdeutlichen warum eine Schrift X Euro kostet. Wie der Preis für Schriften überhaupt zustande kommt.
Kategorie: Typografie & Schriften
2 Kommentare Kommentar abgeben
1. Timo | Februar 19th, 2007 at 16:42
Da bin ich (fast) voll und ganz einverstanden! Jedoch würde ich ein mutiges neues Education-Lizenzmodell empfehlen. Also auf breiter Basis können Studenten und Hochschulen Schriftlizenzen für wirklich studentische Preise erwerben und an die Studierenden weitergeben. Denn ich behaupte einfach mal, daß auch Designern und Fonthäusern die ästhetische Bildung am Herzen liegen dürfte, und wie sollen die jungen Dinger lernen, welche Qualität in guten Schriften liegt? Wie sollen sie Proportionen und die Anatomie studieren? An kopierten Wischblättern mit Typometer und Lineal?
Da sind zumindest manche Softwareschmieden – nicht ohne Hintergedanken natürlich – mit ihren Education angeboten nicht schlecht aufgestellt. Fontshop hat immerhin flott reagiert, doch 25% Rabatt ab einer Bestellung von 3.500,- Euro sind vielleicht erst der erste Schritt – immerhin darf der Student mit diesen Schriften dann auch Geld verdienen. Bloß welcher Student hat 3.500 Euro zur Verfügung?
Aber ich befürchte da ist beiderseits zu viel Misstrauen entstanden: Manche Fonthäuser erwarten nur das Böse im Menschen, und Studenten leben ganz gut mit den kostenlos-Raubkopier-Rabatten.
2. spatium - Magazin für Ty&hellip | Februar 21st, 2007 at 10:33
[…] In der aktuellen PAGE kamen wir nicht nur im Artikel »Niemand klaut bei Freunden« zu Wort, sondern unsere Hamburgefonts-Ausgabe wurde unter Typo-News vorgestellt. Danke! […]
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