»Retrofonts« von Gregor Stawinski

11. Januar 2010 Peter Reichard

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»Retrofonts« ist ein Schriftkompendium oder Schriftmusterbuch, welches Schriften nach verschiedenen historischen Epochen gliedert. Dies geschieht jedoch nicht ausgehend vom Datum der Veröffentlichung einer Schrift, sondern nach ihrer Wirkung bzw. ausgehend von den durch die Schrift entstehenden Assoziationen.
In insgesamt neun große Epochen von Historismus über Jugendstil, Art Deco bis hin zur Schweizer Typografie oder der Punk-Bewegung sind die Schriften sortiert. Ergänzt werden diese entweder mit historischen Abbildungen der Zeit oder mit aktuellen Designs, die aber den jeweiligen Stil der Epoche imitieren. Diese Abbildungen werten die reinen Schriftmuster – eine Seite pro Schrift – auf.

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Größtenteils ist die Zuordnung der Schriften zu den Epochen gut gelungen. Lediglich bei der mit »Führerkult und Volksempfänger – Traditionsverbunde Typografie« bezeichneten Kategorie geht meiner Meinung nach allzuviel durcheinander. So findet man hier diverse gotische Schriften, aber auch Antiqua, serifenlose und serifenbetonte Schriften ebenso wie Pinselschriften.
Die Futura von Paul Renner wurde auch nach 1933 genutzt, aber ist zu Recht bei »Elementare Typografie« eingeordnet, während wiederum konstruierte serifenlose Schriften wie Memphis, Rockwell, Stymie unter »Führerkult und Volksempfänger« eingeordnet wurden. Geradezu geschmacklos ist die dortige Platzierung der »Albertus« vom Berthold Wolpe, der diese 1940 im Londoner Exil gestaltete.

Die zusätzliche Kategorisierung »Traditionsverbundene Typografie« macht es noch problematischer. Rockwell und Co. sind also traditionsverbundene Schriften?

Dass die Nationalsozialisten häufig zwischen traditioneller und rückwärtsgewandter sowie gleichzeitig moderner Ästhetik wechselten, wird durch die Darstellung in Buch und die Kategorisierungen der Schriften nicht klar. Hierzu wäre es gut gewesen einige Aspekte des Buches »NSCI« zu integrieren.

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Ebenso seltsam mutet die Zuordnung der Schrift »Bauhaus« zur Kategorie »Flowerpower« an oder die Zusammengruppierung von Schweizer Typografie und Space Age-Schriften – seltsamerweise gibt es für die sog. Space-Age-Schriften keine Beispiele aus der Zeit.

Etwas ausführlichere Beschreibungen der Epochen hätten den Aspekt der Wissensvermittlung noch etwas verstärkt und das Buch noch aufgewertet ohne dass man das Buch »Retrodesign« sich damit sparen würde.

Da nicht nur kommerzielle, sondern auch viele Freefonts gezeigt werden, wurden diese – insgesamt 222 – auf einer beiliegenden CD-ROM zusammengefasst.

Autor Gregor Stawinski
Verlag Hermann Schmidt
ISBN 978-3-87439-784-1
Preis 49,80 Euro

Kategorie: Typo-Magazine und Bücher

9 Kommentare Kommentar abgeben

  • 1. Max  |  Januar 11th, 2010 at 13:39

    Aber was hat der Heidelberger Zylinder mit der Space Age zutun? Die Seite habe ich auf dem Typostammtisch leider übersehen.

  • 2. horst moser  |  Januar 11th, 2010 at 17:03

    die futura wurde nach 33 zb in der zeitschrift gebrauchsgraphik als lauftext- und headlineschrift verwendet.

  • 3. Gregor Stawinski  |  Januar 12th, 2010 at 12:15

    Erst einmal vielen Dank für Ihre ausführliche Auseinandersetzung mit Retrofonts. Das eine Zuordnung der Schriften nicht immer scharf und eindeutig sein kann ist klar, daher ist nur zu verständlich wenn Raum für Diskussionen bleibt.

    Das Kapitel beschäftigt sich mit den typografischen Vorlieben der 30er und 40er Jahre - nicht ausschließlich mit nationalsozialistischer Typografie. Das es »Führerkult und Volksempfänger« heisst, dient der zeitlichen Zuordnung. Und traditionsverbundene Typografie fand auch im Ausland statt - da haben Sie ja mit der »Albertus« bereits ein schönes Beispiel ausgegraben, allerdings sorgte es bei Ihnen leider eher für Missverständnis.

    Das erklärt vielleicht gleich weshalb viele Schriftgruppen vertreten sind - die auch im nationalsozialistischem Deutschland verwendet wurden, das typografisch viel mehr als Fraktur und Schaftstiefelgrotesk zu bieten hatte.

    Rockwell und Co brachte ich in diesem Kapitel unter, da sie zu dieser Zeit entworfen und verwendet wurden. Die in dem Zusammenhang präsentierten Bildbeispiel zeigen darüberhinaus das moderne Ästhetik gepflegt wurde, wenn auch nicht am Beispiel nationalsozialistischer Propaganda. Hätten Sie diese Schriften lieber im Kapitel »Elementare Typografie« gesehen? Bleibt die Kapitelbenennung als solche, die mit »Traditionsverbundener Typografie« tatsächlich den konstruierten Serifenbetonten nicht gerecht wird. Das sehe ich ein und gelobe Besserung!

    Die »Bauhaus« wurde in den 70er Jahren rege verwendet - und auch zu dieser Zeit als Satzschrift entwickelt, auch wenn ihr formales Vorbild natürlich aus der Bauhaus-Ära stammt. Wegen ihrer außerordentlichen Beliebtheit in jener Zeit, fand ich, darf sie dort bleiben, trotz dessen ich diesen Luxus nicht allen Zitaten gestattet habe.

    Für die Space-Age-Schriften gibt es eine historische Abbildung, die Seitenzahl liefere ich nach, habe gerade keine Ausgabe griffbereit. Vielleicht hätte ich da mehr als ein Beispiel zeigen sollen, ich wühle mal im Archiv und lege (sobald mal Zeit dafür ist) in der Rubrik »Fundstücke« auf retrofonts.de nach.

    @Max: Die historischen Druckmaschinen sollen den Stand der Technik visualisieren. Vom grafischen Gewerbe, nicht der Raumfahrt, auch wenn ich schon finde das der Zylinder flugbereit aussieht. Nein, er dient in dem Fall dem »Look & Feel«, um auf die Epoche einzustimmen.

    @Horst Moser: Erinnere ich Recht, das in diesen Ausgaben auch die Berthold City - die ich sehr mag - im Einsatz war? Unter anderem für Titel und/oder Inhalt wenn ich das richtig im Kopf habe.

  • 4. Gregor  |  Januar 12th, 2010 at 19:46

    Hier, wie versprochen, die Seitenzahl zu dem Space-Age-Beispiel: 420.

  • 5. Oliver  |  Januar 12th, 2010 at 21:24

    Ich hab mir Retrofonts zu Weihnachten zugelegt und bin schlicht weg begeistert! Es ist einfach wundervoll inspirierend. Mein einziger Kritikpunkt: der Druck stinkt irgendwie. Das Buch riecht sehr intensiv und so macht es nach einer Zeit nicht mehr so viel Spaß die Nase ganz so tief hineinzustecken. Aber so ist es halt ein Genuss in vielen kleinen Schüben :-)

  • 6. Gregor  |  Januar 13th, 2010 at 11:18

    Danke, Oliver, freut mich zu lesen!

  • 7. nora  |  Januar 16th, 2010 at 14:11

    Tja, wir wissen wie schwierig das ist heute noch „richtig” zu klassifizieren. Meines Erachtens ist das bis auf einige Schriften, die Peter schon erwähnt hat relativ gut gelungen. Korrektheit hin oder her, da ich auch mit Augen eines Lehrenden dieses Buch gucke und nicht nur mit den Augen der Fachfrau, finde ich, dass es ein sehr appetitanregendes Buch geworden ist und es macht Spaß, hier zu stöbern! Ich habe es auch schon Studenten in die Hand gegeben und die waren auch begeistert. Und es ist einfach schön, wenn man was findet, was die Studierenden anfixt in Richtung Typografie. Das gelingt übrigens auch wunderbar mit dem tollen Buch: Made with FontFont herausgegeben vom Fontshop.

    Und da „Retrofonts” kein Lesebuch im eigentlich Sinn ist, sondern wirklich ein Stöber- und Entdecker-Buch kann ich es gerade noch ertragen, dass auch hier die Verarbeitung Mängel hat. Der extrem unangenehme Geruch kommt wahrscheinlich von der Drucklackierung, die sich mit dem Papier nicht wirklich gut verträgt. Es sind einfach sehr viele Aufmacherseiten vollflächig, auch schwarz bedruckt und ich gehe davon aus, dass diese auch alle drucklackiert sind. Dasselbe Problem hatte der Schmidt Verlag in 2009 schon mit dem Buch „Krieg der Zeichen” von Markus Hanzer. Hier fand ich es noch ärgerlicher, da mich der Gestank heute noch vom Lesen abhält. Der Geruch wird auch mit der Zeit nicht weniger.

  • 8. Karin Schmidt-Friderichs  |  Februar 19th, 2010 at 18:42

    @nora: Der Geruch (an den “alten” Druckfarbengeruch hat man sich einfach gewöhnt und empfindet ihn als zum Buch gehörig) kommt von den Ökofarben. Wir testen beständig alle Papier/Farb/Kombinationen, haben schon “Parfumeursnasen” engagiert. Die Alternative wäre: Zurück zum ökologisch unkorrekten Drucken von Früher. Manchmal bin ich kurz davor. Dann denke ich wieder, das kann man nicht bringen…

  • 9. jk  |  März 16th, 2010 at 00:41

    komisch wie man sich manchmal beeinflussen lässt. Ich musste jetzt nochmal bei zwei, drei Seiten testriechen und tatsächlich empfinde ich den Geruch nun auch nicht mehr als angenehm. Das ist aber erst, seitdem ich hier gelesen habe, dass andere ihn als störend empfinden. Davor hatte ich (gewohnheitshalber) schon einige male hineingerochen und war eher angetan davon.
    Aber Geruch hin oder her ich finde das Buch toll und denke, dass diese Investition sich gelohnt hat. (Als Student muss man bei dem Preis nun mal tatsächlich von Investition sprechen, da es gut ein zehntel des monatlichen Verdienstes ausmacht)

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