3 Fragen an Paul van der Laan

29. April 2008 Peter Reichard

3fragen_paul.jpg

Hier nun das letzte Interview aus der Reihe mit den diejährigen Referenten auf den X. Tagen der Typografie. Paul wird einen Typedesign-Workshop anbieten, Schwerpunkt sind Pixelschriften, aber auch die grundlagen des allgemeinen Typedesigns werden nicht zu kurz kommen.

Es gibt noch einige wenige freie Pätze in drei Workshops!

***

Was ist deine liebste Schrift und warum ist es gerade sie?
Kann man einen Musiker nach dessen Lieblingssong fragen? Oder einen Autor nach dessen Lieblingsliteratur? Diese Frage kann man unmöglich mit nur einer Schrift beantworten, daher werde ich stattdessen einige Schriften nennen, die ich aus besonderen Gründen schätze.

Die schönste Antiqua, die ich kenne, ist die Lexicon von Bram de Does. Ich kann mich noch erinnern, als ich sie das erste Mal, auf Schulcomputern installiert, entdeckte – irgendwann um 1994, ich war noch Grafikdesign-Student und Internet war für Normalsterbliche noch nicht verfügbar. Ich rannte sofort hinaus und kaufte mir eine Packung neuer Disketten, um die Schrift sofort zu kopieren!
Der Grund, weshalb sie mir so zusagt, ist ihr Liebreiz bei gleichzeitig vorhandenen maskulinen Details. Sie wirkt traditionell, jedoch nicht altmodisch. Für längere Texte, besonders in kleinen Schriftgraden, gibt es keine besser lesbare Schrift.
Untersucht man die Lexicon, so findet man so viele innovative Eigenschaften, die ihre Lesbarkeit verbessern, dass klar wird, dass diese Schrift von einem sehr erfahrenen Schriftdesigner gestaltet worden sein muss. Die Lexicon wurde oft kopiert und doch nie übertroffen und ist für mich als Schriftgestalter ein inspirierendes Beispiel.

Obwohl ich kein großer Fan des Modernismus bin, hege ich großen Respekt vor der Univers von Adrian Frutiger. Dies liegt zum großen Teil an der Tatsache, dass die Univers als erste Schrift von vornherein als eine Schriftfamilie mit verschiedenen Stärken und Schnitten konzipiert wurde. Heutzutage ist es ziemlich einfach, umfangreiche Schriftfamilien mittels Interpolierung herzustellen, damals wurden jedoch alle 27 Originalschnitte der Univers von Hand gezeichnet und trotzdem passen sie alle perfekt zueinander. Die breiten Schnitte sind etwas fetter als deren normale Entsprechungen, damit der Grauwert erhalten bleibt. Aus dem selben Grund sind auch die mageren Schnitte etwas leichter gehalten.
Abgesehen davon ist die Univers ein hervorragender Entwurf, mit sehr ausgeglichenen Proportionen und Formen, zeichnerisch extrem gut ausgeführt und für eine solch neutrale Schrift mit relativ großen Unterschieden im Kontrast zwischen dick und dünn. Es ist sehr schade, dass der Helvetica in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit zukam, denn die Univers – letztes Jahr ebenfalls 50 geworden – ist die bessere Schrift.

Die letzte Schrift, Susan Kares Chicago (in der original Pixel-Version) erwähne ich aus gänzlich anderen Gründen als den vorhergehenden. Die Chicago, entworfen in den frühen 80ern, ist für mich die ultimative Apple-Schrift. Ohne zu nostalgisch klingen zu wollen, doch sie erinnert mich sofort an meinen ersten Macintosh mit System 7.
Chicago ist weder elegant noch raffiniert, erledigt ihre Aufgabe jedoch sehr gut: sie funktioniert perfekt in kleinen Auflösungen im Mac-Interface und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Sie hat mein Interesse am Konzept von Interface-Schriften geweckt, ein Bereich innerhalb der Typografie, in dem ich zeitweise arbeitete.
Leider ist die Chicago nicht mehr als Interface-Schrift im OS X vorhanden, daher halte ich meinen iPod der zweiten Generation in Ehren, welcher sie noch immer verwendet.

Was macht für dich Typografie aus?
Alles hängt von der Zeit ab, die ich für einen Text aufwenden muss. Sind es mehr als 15 Minuten, kann ich sehr pingelig werden, schlechte Typografie kann mich ernsthaft verärgern und sogar abstoßen. Das gilt für das User-Interface meines Computers, die Standardschrift meiner Textverarbeitungs-Software oder Zeitungen und Magazine. Ab und an entscheide ich mich auch gegen den Kauf eines Buches, weil ich den Satz schrecklich finde. Selbst wenn ich weiß, dass die Geschichte in dem Buch großartig ist, bin ich sicher dass mir die schlechte Typografie so zusetzen würde, dass ich keine Freude mehr am Buch hätte.

Welches typografische Projekt würdet ihr gerne realisieren?
Als Student träumte ich vom Entwerfen eines Autobahn-Leitsystems für mein Land. Teils, weil ich das vorhandene System ziemlich hässlich fand, teils, weil ich die Vorstellung, meine Schrift überall sehen zu können, großartig fand. Leider bekam Gerard Unger den Auftrag bereits in den 90ern und mein Traum wurde zerstört!
Heutzutage wüsste ich kein spezielles Projekt dass mich über alle Maße reizen würde. Allgemein habe ich festgestellt, dass die Aufträge, in denen meine Schriften dreidimensional ausgeführt werden – etwa Gebäudetypografie – mir die größte Genugtuung verschaffen. Vielleicht liegt es daran, dass dies etwas ist, was (hoffentlich) eine längere Zeit überdauert, da die meisten anderen Projekte allzu schnell zu Altpapier werden können.

Kategorie: Typo-Interviews

WordPress database error: [Can't open file: 'wp_comments.MYD' (errno: 126)]
SELECT * FROM wp_comments WHERE comment_post_ID = '1411' AND comment_approved = '1' ORDER BY comment_date

Kommentar abgeben

Required

Required, hidden

erlaubte HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Kategorien