Morgengrauen
13. Oktober 2008 Tanja Huckenbeck

Mit Entsetzen haben wir heute Morgen in der Post zwei Belegexemplare eines Heftchens des »Bundes für deutsche Schrift und Sprache« vorgefunden, der es sich nicht hat nehmen lassen, die von uns herausgegebene DVD »Bleisatzschriften des 20. Jahrhunderts aus Deutschland« zu besprechen.
Hiermit möchten wir ausdrücklich betonen, dass wir mit diesem reaktionären Nationalistenverein nicht das Geringste zu schaffen haben wünschen, wir ihr propagiertes »deutsches Volkstum« furchtbar finden und uns die »Reinhaltung der deutschen Sprache« herzlich egal ist.
Der größte Vorteil einer »reinen« deutschen Sprache ohne lateinische, griechische, französische, arabische, jiddische, russische und englische Wörter würde vielleicht noch darin bestehen, dass man sich nicht mehr ausdrücken könnte (selbst dieser Verein kommt nicht umhin, so gar nicht urdeutsche Wörter wie Fraktur, System, Metamorphose, Kommunikation etc. zu verwenden) und sich damit derartiger Schwachsinn erübrigen würde.
Wer mehr wissen will:
http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-10-Januar1999/Leseproben3.html
http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/Gralshueter.htm
Wir bedauern sehr, diesem Verein ein Exemplar unserer DVDs zugesendet zu haben und werden in Zukunft genauer prüfen, wem wir etwas zusenden, um diesen Fehler gewiss nicht zu wiederholen. Die Heftchen gehen natürlich mit »Annahme verweigert« zurück.
Kategorie: Zum Schluß
6 Kommentare
1. Tobias | Oktober 20th, 2008 at 22:50
Hallo,
Es ist schade, dass ein Verein, der sich viel Mühe gibt so mit Füßen getreten wird.
Diese Argumente, eher Zitate sind vollkommen haltlos und der Bund in keiner Weise national und reaktionär.
Man kan eher sagen, das es hier um Bewahrung eines Kulturgutes geht, ohne das es den Bleidruch schlicht weg nicht gäbe.
Ein Verhalten, wie dieses ist mehr als ungerechtfertigt und kindisch, die Verantwortlichen scheinen nicht den S i n n von Kulturbewahrung verstanden zu haben und bedürfen in jeder Hinsicht noch eine Belehrung, wie man sich zu verhalten hat.
Zumal diese deutsche Schrift damals von den Nationalsozialisten abgeschafft wurde, ist allein ihre o. g. Behauptung haltlos. Der Bund setzt sich lediglich für den Erhalt der deutsche Schrift ein, wie Sie sich um Typographie kümmern. Den Bund gibt es übrigens auch schon seit 1918. Wenn man in dieser Zeit schon von schlimmen Nationalismus sprechen kann, dann hat man in Geschichte geschlafen - wer in diesem Land war nach dem verlorenen Krieg bitte stolz auf diese Nation? Haltlos, wie die anderen Argumente.
Man kann eigentlich nur den Kopf schütteln vor Menschen, die ihre eigene Herkunft verleugnen. Wir sind nun mal deutsch und wir haben auch eine Geschichte v o r 1933. Dies sollte man sich mal zu Gemüte führen. Selbst Gutenberg, den mag man hier vielleicht auch kennen, entschied sich zum Druck seiner Bibel in deutschen Lettern, nicht in Antiqua. Dies hat auch seine Überlegung hervorgebracht.
Der Bund ist nicht ganz so radikal, er strebt eine kaum in Aussicht stehende Zweischriftigkeit an, einen Zustand, den es vor ‘33 gab, der die Gleichberechtigung von Antiqua und Fraktur beschreibt. Selbst Wikipedia hat einen guten Beitrag dazu, sehr lesenswert.
Daher ist es sinnlos diese Vereinigung so abzustrafen, ich kann diesen blinden Verrat an der eigenen KULTUR nicht verstehen.
Der Bund besteht übrigens an sich unpolitisch ist und keinerlei Einfluss auf die poltische Gesinnung der Mitlgieder hat. Wer kann schon den Mitgliedern hinter die Stirn schauen?
Ein Blick in das neue Heft lohnt sich trotzdem, denn auch der Bund geht mit der Zeit und hat erst in diesem Heft einen interessanten Artikel zu einem neuen Programm, mit dem man regelgerecht Texte in Antiqua und Fraktur setzen kann.
Zu der Fremdwörterverwendung:
Der Bund verucht als solcher Fremdwörter zu vermeiden, die nicht notwendig sind. Ich denke das ist gerechtfertigt, denn als Bürger dieses Landes hat man das Recht auch in hohem Alter das zu verstehen, was um einen herum geschieht. Nicht jeder kam in den Genuss eine Fremdsprache zu erlernen und daher ist es wichtig auch auf solche Rücksicht zu nehmen, (kennt man dieses Wort hier?) die nicht in der Lage sind neumodische Wortschöpfungen zu verstehen. Daher ist diese Absicht nur allzu Kundenfreundlich.
Man sollte sich in dieser Gesellschaft eine Scheibe davon abschneiden, wenn es darum geht auch mal über den eigenen Horizont hinauszuschauen und sozial zu handeln.
Gegenargumente bitte n u r mit Beleg, alles andere ist ungerechtfertigt und sinnlos.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Tobias
2. Peter Reichard | Oktober 21st, 2008 at 08:39
Hallo,
es ist immer wieder erstaunlich wie mit dem gleichen Trick gearbeitet wird. Leider ist Nationalismus in Deutschland keineswegs nur an die Nazis gebunden. Ein nationalistischen Verein in Schutz zu nehmen, in dem man sagt »die sind doch keine Nazis« zeigt wer hier im Geschichtsunterricht geschlafen hat.
Wer behauptet, dass der Nationalismus, der mit zum 1. Weltkrieg führte, mit einem Schlag 1918 weggewesen wäre hat weder was von Geschichte noch von Masenpsychologie verstanden. Schaut man dann sich die Jahre ab 1918 genauer an und sieht die nationalistischen Kampagnen gegen den Versailler Vertrag an, wird schnell klar, dass deutscher Nationalismus alles andere als verschwunden war und dieser auch 1933 wieder – ungebrochen sozusagen – weiterwirken konnte mit all den mörderischen Konsequenzen. Die Nazis wären ohne die Deutschnationalen um Hugenberg sicherlich nicht so einfach an die Macht gekommen. Schaut man sich die Geschichte nur durch die eigene nationalistsiche Brille an, will man das natürlich nicht wahrhaben.
Und sich heraus zu reden, dass im Vorstand Personen vertreten waren/sind, die mit Reaktionären und Faschisten kooperieren, dass man als Verein »unpolitisch« wäre und man nicht in die Köpfe seiner Mitgleider schauen könne, ist entweder realitätsfern oder schlicht verharmlosend.
Und wie bitte soll man einen Verein bezeichnen, der in seinen Publikationen Sätze wie »Aus diesem Grunde sind Liberalismus, Internationalismus, Völker- und Rassenvermischung gefragt.« verwendet?
Und abschließend noch zu dem Wort reaktionär. Vom Wortsinn bedeutet es, etwas zurückzudrehen, und wenn man wie selbst gesagt wird, die Zweischriftigkit der 20er und 30er Jahre wieder haben möchte, so dreht man das Rad der Geschichte zurück.
Dieser Verein hat bei genaueerem Hinsehen reaktionäre Ziel, im Wortsinne und im politischen Sinne.
3. Klaus | Oktober 21st, 2008 at 17:00
Grundsätzlich doch verständlich, die Argumente. Aber könnten Sie nicht vielleicht noch mal auf die Bewahrung eines Kulturgutes eingehen, anstatt sich an der Geschichte ewig aufzuhängen?
Es ist j aunglaublich, wie Menschen nicht über den Schatten der Geschichte springen können und mal auf die Seite des Lichts der Vergangenheit zu schauen.
Goethe, Schiller, beide kannten auch die lateinischen Lettern. Was schrieben sie? Deutsch. Beides betsimmt Nationalisten pur, nach Ihrer Meinung?
4. Horst | Oktober 21st, 2008 at 17:02
Ich weiß nicht…Also ich denke die Ewige Suche nach Nationalisten ist blödsinn. Vielleicht ist es hier noch nicht angekommen, aber Nationalist ich nicht gleich Patriotist.
5. Tanja Huckenbeck | Oktober 21st, 2008 at 18:42
Wer unseren Beitrag aufmerksam gelesen hat, hat mitbekommen, dass wir nicht nach Nationalisten gesucht haben, sondern sie frei Haus in unserer Post waren. Das ist ein Unterschied und der erste Punkt.
Der zweite ist, dass die gebrochenen Schriften zum Teil in der Tat interessante Formen haben, aber damit hat es sich auch. Sie sind mitnichten ein »deutsches Kulturgut«, sondern wurden und werden auch in anderen Ländern verwendet. Ich empfehle denen, die vor lauter »Deutschtum« in der Schriftgeschichte offensichtlich nicht so firm sind, das Vorwort des deutschen Wörterbuches von Jacob Grimm.
Im übrigen bevorzuge ich die Schrift der Wissenschaft, der Aufklärung und des Humanismus, nämlich die Antiqua.
6. Peter Reichard | Oktober 21st, 2008 at 18:53
Wir kritisren nicht die Beschäftigung mit gebrochenen Schriften, sondern die nationalistsichen Verdrehungen dieses Vereins.
Und ehrlich gesagt, wenn den Verteidigern des »deutschen Schrifttums« nicht einmal die Worte von der »Völker- und Rassenvermischung« aufschrecken, na dann gute Nacht.
Und zum Abschluss dieser Debatte möchte folgenden Auszug von Heines »Die Wahlesel« zitieren:
»Der große Esel, der mich erzeugt,
es war von deutschem Stamme;
mit deutscher Eselsmilch gesäugt
hat mich die Mutter, die Mamme.
Ich bin ein Esel, und will getreu,
wie meine Väter, die Alten,
an der alten, lieben Eselei,
am Eseltume halten.
Und weil ich ein Esel, so rat ich euch,
den Esel zum König zu wählen;
wir stiften das große Eselreich,
wo nur die Esel befehlen.
(…)
So spracht der Pariot. Im Saal
die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
und stampften mit den Hufen.
Sie haben des Redners Haupt geschmückt
mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
wedelt´ er mit dem Schwanze.