Naivität?

8. Januar 2007 Peter Reichard

Als ich letzte Woche seit langem mal wieder auf ebay unter dem Stichwort Typografie gesucht hatte bin ich auf folgendes Angebot gestoßen und war ehrlich gesagt sprachlos. Angehende Diplom-Designerin versucht ihr Studium zu finanzieren in dem sie anbietet alle Aufgaben, Übungen, Projekte etc. über die gesamte Dauer des Studiums an einer Privatschule dem Meistbietenden zu schicken. Studien an Privatschulen kosten meist um die 5.000 Euro pro Jahr, da kann ein solches Angebot eingentlich nur unter Naivität verbucht werden, oder?

ebay_designerin1

Am Freitag war dann auch schon Ende der Auktion. Endergebnis 2,49. Bei circa 15.000 Euro Studiengebühren würde sie mindestens weitere 6024 solcher Auktionen benötigen. Dabei sind die Ebay-Gebühren für die Auktion noch nicht einmal miteinberechnet.

ebay_designerin2

Hoffentlich ist das Gute dabei, dass sie die Naivität vor Studienbeginn verloren hat. Wenn nicht, dann …?

Kategorie: Zum Schluß

11 Kommentare Kommentar abgeben

  • 1. David  |  Januar 8th, 2007 at 17:58

    Wie geil!
    Dass ich aber auch nicht selbst auf die Idee gekommen bin mir so mein Auslandssemester zu finanzieren…

  • 2. Paul  |  Januar 8th, 2007 at 20:47

    Au man… dass erinnert mich an meinen ständigen Kampf jeden Monat 350€ für die Studiengebühren zu erarbeiten, gar nicht so einfach. Aber selbst für insgesamt 1000€ lohnt sich ihr Angebot doch nicht. Dass muss doch verdammt viel Arbeit sein, sein ganzes Studium so aufzubereiten :-)

  • 3. Dan Reynolds  |  Januar 9th, 2007 at 10:46

    Ich finde es auch eine witzige Idee. Die Umsetzung finde ich hier aber viel zu banal. Mir ist spannender, Studenten die es schaffen, Corporate Sponsors für ihre Studienzeiten finden, a la Sportmanschaften. Stell’ dir es vor – jeden Tag in der Uni würdest du ein Logo von Nike oder Coca-Cola oder sonnst noch jemand tragen. Eigentlich nicht so schlecht, oder?

  • 4. Dan Reynolds  |  Januar 9th, 2007 at 10:51

    Bei uns in der Branche könnte es viel lockender angehen. Design-Studenten könnten täglich T-Shirts von Adobe oder Apple tragen. Oder noch cooler: gebrandete Laptop-Taschen, Flash-Memory Sticks und sogar die Holzschuhe von House Industries. Ich würde mich selbst in FontShop gelb anziegen lassen, wenn es mein Studium mitfinanzieren würde ;-)

  • 5. Sebastian Nagel  |  Januar 9th, 2007 at 18:49

    Gerade von Studenten »unserer Branche« würde ich mir etwas mehr Reflexion diesbezüglich wünschen. Nike, Coca Cola, Adobe, Apple – nicht so schlecht?
    Ich find’s ja schon schlimm, dass wenn ich ein Produkt kaufe, ich dann meist auch noch das Logo mit rumtragen »darf« und praktisch als wandelnde Litfaßsäule für die jeweilige Firma durch die Gegend laufe. Als würde es nicht genügen, den Preis für das Produkt bezahlt zu haben.

    Wenn ich hinter etwas zu 100% stehe und es bewusst nach außen vertreten will, ok. Aber kann man z.B. hinter Marketing- und Image-Firmen wie Nike oder Coca Cola stehen? Ich hätte da schon fast ein schlechtes Gewissen.

    House Industries… darüber könnte man hingegen nachdenken ;-)

  • 6. Paul  |  Januar 9th, 2007 at 21:24

    @Sebastian,

    Naja du siehst das relativ verkrampft. Wenn dir das nicht gefällt dann kauf halt bei entsprechenden Marken nicht ein. Gibt ja ne Menge Leute die eine Marke ignorieren, weil sie Kinder arbeiten lässt. Ich hab kein Problem mit Cola und ich muss ehrlich sagen, für meine Studiengebühren würd ich mich auch mit nem Cola-MacBook prostituieren.

  • 7. Sebastian Nagel  |  Januar 10th, 2007 at 21:30

    »Verkrampft« würde ich es nicht nennen, eher »mit Grundsätzen ausgestattet«.
    Nicht jeder muss genau diese Grundsätze mit mir teilen, trotzdem behalte ich mir vor mich über Leute zu wundern die meiner Meinung nach relativ unreflektiert durch die Gegend laufen; und ich behalte mir auch vor das laut auszusprechen – nicht anklagend, aber anmerkend.

    Das Beispiel Kinderarbeit hatten wir ja schon – da ist es einfach eine Marke meiden zu wollen. Wobei man fast alle größeren Unternehmen meiden müsste, wenn man nur wüsste was sie direkt oder in ihrem Dunstkreis bewirken – sei es mit Absicht oder allein durch ihre Größe schon.

    Was mich aber z.B. explizit an Firmen wie Nike stört, ist, dass hier nicht mehr das Produkt im Mittelpunkt steht (Hauptkostenverursacher ist), sondern die Vermarktung des Produktes, der Aufbau eines Images, an dem man sich als Käufer dann gütlich tun kann, und für das man bezahlt (statt für das Produkt). Mit einer Aktion wie »Coca Cola sponsert mein Notebook« würde ich diesem Image der »Coolen Firma« noch zutragen – und das wäre mir zuwider.
    Es klingt jetzt großkotzig, weil ich wahrscheinlich nie in die Situation kommen werde, aber ich würde es mir auch 3x überlegen von Coca Cola einen Auftrag zu übernehmen. Einfach weil ich weiß, dass ich dort heiße Luft gestalten würde.

    Und nochmal: Jeder wie er will. Was nicht heißt dass man nichts mehr drüber sagen darf wenn jemand was macht was man nicht in Ordnung findet.

  • 8. Mike  |  Januar 11th, 2007 at 11:26

    Mittlerweile gibt es viel einfachere Modelle um sein Studium zu finanzieren. Alles was man benötigt ist ein Blog und Google Adsense.
    Einfach mal probieren, teilweise kann man sich sogar anstrengende Jobs und Überstunden ersparen. Viel Freude beim testen.

  • 9. Paul  |  Januar 12th, 2007 at 03:39

    @Sebastian
    Nehmen wir doch mal als Beispiel Cola. Cola verkauft mit seinem Produkt ein Image. Und genau aus diesem Grund liebe ich Cola, ich will den Lifestyle erleben!

    Cola wäre ohne dieses Image nicht Cola sondern nur ein Brausegtränk unter vielen anderen guten Getränken. Es ist nicht der Geschmack der Cola so konstant erfolgreich hält sondern das Image. Und auf genau dasselbe steh ich und erkaufe mir dieses gerne.

    Ich lasse dir natürlich deine Meinung zu diesem Thema, denke aber, dass du dir dabei etwas vormachst. Du versuchst vieleicht so viele Marketing/Imageprodukte wie möglich zu enttarnen und evtl. sogar zu meiden. Wenn dem so ist, dann bist du schnell im Glauben unabhängig von solchen werbegebildeten Images zu sein. Und genau da ist das Problem: Du enttarnst in diesem Fall gerade mal 5% der Werbeprodukte und die anderen 95% genießt du ohne Bedenken. Dass würde ich dann wirklich unreflektiert nennen.

    Ich bin mir bewusst, dass ich abhängig bin von solchen Images. Bei Produkten ist mir dies egal, da ich in der Produktvielfalt die ich nutze, zum Wahnsinnigen würde jedes derselben zu “reflektieren”.

    Schwieriger wird es da schon in der Politik. Auch hier kann ich mich nicht frei machen von den gezielt gesteuerten Emotionen. Ich versuche dass so weit wie möglich:
    Ich halte mich stets aus Interesse auf dem Laufenden, Ich lese vor Wahlen Parteiprogramme, ich versuche meine Emotionen abzuschalten…
    Soweit sehe ich das als meine Aufgabe als Wähler an.

    Wenn ich mir aber einbilde, nicht von irgendwelchen Emotionen/Images… beeinflusst zu sein, sehe ich meine Meinung die ich mir in diesem Prozess gebildet habe als die Wahrheit an und damit steure ich in politischen Auseinandersetzungen immer auf einen Konflikt, statt auf eine konstruktive Diskussion zu.

  • 10. marc  |  Januar 18th, 2007 at 19:58

    …da beginnt doch so ein Studium am ersten April, na sowas! soll uns das was sagen, oder sehe ich Gespenster?

  • 11. André  |  November 27th, 2010 at 22:49

    @ Peter Reichard,

    also ich würde die Idee eher als Klug bezeichnen. Wer erinnert sich noch an das Käsebrötchen das für 9,5 Mio. € ersteigert wurde?

    Es zeigt sich hier der Geist der Kreativität, und nicht der Geist von Peter Reichard.

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